Story Samstag – Mutter

Mutter?!

Vergangen Sonntag sah ich eine junge Familie, eine taffe Mutter von 4 Kindern und ihren Mann. Beide keine besonders großen Menschen, aber mit einem guten Geschmack für lockere Klamotten. Kinder wie Orgelpfeifen im Alter von ca. 6,4,2 und 0 saß in der Bauchtasche an Mamas Brust. So oder ähnlich hatte ich mir das damals auch für mich vorgestellt. Dass es anders kommen würde, konnte ich ja noch nicht ahnen.

Meine Freundinnen aus der Jugendzeit hatten fast alle bereits Kinder, ich beäugte das aus der Ferne, bin ich doch in den hohen Norden gezogen, weit weg von der katholischen Mosel.

Ich erfuhr, dass die Eine dank des Stillens ihre Pfunde sogleich losgeworden war und ich fand, das sei auch für mich eine gute Option. Über eine andere erfuhr ich, dass sie sich nach der Geburt vom Kindsvater getrennt hatte, keine Option für mich. Die Dritte war auf dem Weg zu Kind 3 und ging darin wohl auf. Ich war bisher leer ausgegangen, mangels Partner und auch Wunsch.

Mit 36 Jahren dann erfuhr ich, dass ich keine Kinder haben kann und werde. Tubare Sterilität nennt sich das und ist ein Freibrief für 3 künstliche Befruchtungen.

 

Was macht das mit einem? Wie fühlt sich das an?

Ausgehend von einer seit 6 Jahren bestehenden Beziehung, die sich gerne zu einer Familie vergrößert hätte, traf es mich wie einen Donnerschlag.

Alles wurde in Frage gestellt. Frau sein, Partnerin sein, Mensch sein. Überall nahm ich nur noch schwangere Frauen und Mütter mit ihren Neugeborenen wahr. Beim Frauenarzt saßen außer mir nur Frauen in unterschiedlichen Hoffnungsmonaten. Das war kaum auszuhalten. Innerhalb der Familie gab es Nachwuchs und eine Tante verstand nicht, warum ich mir nicht ihr achtes Enkelkind anschauen wollte.

Ich konnte nicht! Ich konnte es einfach nicht!

Es ging nicht, es ging einfach nicht!

Das alles ist ein langer Weg!

Es brauchte Jahre, bis ich in der Lage war ein Neugeborenes neben mir überhaupt zu ertragen, ohne entweder gleich los zu heulen oder wütend zu werden. Freundinnen schwiegen sich mir gegenüber lange über ihre Schwangerschaft aus, weil sie nicht wussten, wie sie mir das sagen konnten, ohne mich zu verletzen. Wenn ich es dann durch sie selbst oder andere erfuhr, habe ich mich natürlich für sie gefreut und natürlich wurde mir dann wieder schmerzlich bewusst, dass ich nie eine Mutter werden würde.

 

Der Alltag warf Fragen über Fragen auf: Künstliche Befruchtung? Adoption? Pflegekinder?

Nach der eigentlichen Myom-OP, bei der so nebenbei meine verklebten Eileiter gesichtet wurden, von denen vorher keiner etwas auch nur geahnt hatte, war mein Hormonhaushalt aus den Fugen. Manisch-depressive Phasen gingen in Wellen durch meinen Alltag.

Ich wollte keine künstliche Befruchtung, die mich mit Hormonen vollstopft und mich dann noch mehr ganz kirremacht. Nein. Danke.

Eine damalige Kollegin ließ diese Behandlung zu und das Kind tut mir bis heute leid. Sie versuchte es mehrmals, sogar über den Freibrief hinaus, so sehr wünschte sie sich ein Kind. Und als dieser Junge dann endlich gesund und munter nach 9 Monaten da war, war dieses Kind alles in ihrem Leben. Es fühlte sich für mich aber nicht gut an. Für das Kind. Für die Kollegin, die dieses Kind so hochhob, dass es nicht mehr ging. Etwas so dringend zu wollen und es dann zu bekommen, tut keiner der Seiten gut. Wollte ich das?

Ich wusste, dass mein Leben nicht von einem Kind abhängt. Dass ich nicht auf Teufel komm raus eines haben musste. Nein, und besonders nicht unter diesen hormonellen Hammer-Bedingungen.

 

Mein Liebster stand mir zu Seite und ließ mich entscheiden. Er war mit mir, bei allem. Ich danke ihm das bis heute!!!!!

 

Eine Adoption wollte ich auch nicht.

Da entscheidet irgend so ein Verwaltungsmensch darüber, ob ich bzw. wir geeignet sind, ein Kind zu adoptieren, während nebenan sinnlos und mehrfach geboren wird, wo keiner vorher gefragt wurde, ob da irgendjemand geeignet ist. Von denen, von den Ungeeigneten, hätten wir dann vielleicht ein Kind bekommen. Nein. Danke.

 

Die Jahre vergingen und wir wurden älter. Das Thema Pflegekind ging im Alltag unter. Irgendwann war klar, es wird hier keine Kinder geben.

Ein anderes großes Thema ist das Fehlen dieser typischen Frauen-Kompetenz: das Kinderkriegen. Wenn das wegfällt, dann ist man nicht komplett. Dann ist man fehlerhaft. Ein Mängelexemplar. Wollte mich mein Mann denn noch so haben? Würde er mich umtauschen wollen, weil nicht in seiner Bandbreite nutzbar?

Aber nein! Ich habe sehr viel Glück! Mein Mann hat die ganze Situation mit getragen und mich mit meinen anstrengenden Gefühlsschwankungen ertragen. Es ist schön, diesen Menschen an meiner Seite zu wissen.

 

 

Es gibt noch zwei Besonderheiten bei der Arbeitssuche beim Arbeitsamt zu berichten: Meine Betreuerin sagte zu mir, ich solle im Lebenslauf erwähnen, dass ich kinderlos sei, denn dann hätte ich viel bessere Chancen den Job zu bekommen. Ja, klar! Eine kinderlose Frau fällt ja auch wegen Kinder-Mumms nie aus! Die ist immer da, kann immer brav arbeiten, tolle Lotte. Da fühle ich mich auch gleich viel besser……

Und zur Krönung noch die Frage, warum ich eigentlich nur halbtags arbeiten wolle, wo ich doch keine Kinder hätte. Ihr Argument: Der mögliche zukünftige Arbeitgeber könnte sich wundern, warum eine kinderlose Frau nicht Vollzeit arbeitet. Da fehlen einem die Worte…..

 

Eine schlimme Zeit!

Eine sehr lange schlimme Zeit!

Ein Tal, das ich zu durchschreiten manchmal nicht geglaubt habe schaffen zu können… 

 

Und ja, das Leben geht weiter.

Echt!

Das Leben geht weiter.

 

Wir beide, mein Allerliebster und ich, haben uns damit abgefunden, dass wir beide zusammen alleine eine Familie sind und bleiben werden. Wir haben dadurch viele Freiheiten, die Familien nicht haben. Dass wir sie nicht nutzen, liegt an einem anderen Problem, dass sich Milchviehlandwirtschaft schimpft. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

 

Was vielleicht nicht viele wissen, ist die Tatsache, dass wir einen höheren Pflegesteuersatz zahlen müssen, weil wir kinderlos sind. Das ärgert mich sehr, nur weil wir keine kleinen Steuerzahler in die Welt gesetzt haben, dass wir dafür einen höheren Beitrag zahlen müssen. Sind doch Kinder kein Garant für unser Alter. Wir sind ungewollt kinderlos und ich finde das ist ein Unterschied zu den Menschen, die sich bewusst gegen eine Familie entschieden haben.  

 

 

Aber das alles ist wahr!

Das hier ist keine Geschichte.

Das ist mein Beitrag zum Thema Mutter bei Tante Tex Story Samstag.

Mein erster Gedanke war, kein Thema für mich, ich bin ja keine Mutter. Ich habe zwar eine, aber über die möchte ich nicht schreiben. Somit war das Thema fast erledigt, als mir der Beitrag von Vro jongliert über das Nicht-Lauschen vom letzten Story Samstag in Erinnerung kam.

Genau, ich schreibe übers Nicht-Mutter sein. Warum eigentlich nicht?

Und das habt Ihr jetzt gerade zum Thema gelesen.

Es ist leider nicht lustig.

Aber für mich sehr wichtig gewesen, das hier mal alles nieder zu schreiben.

DANKE.

 

PS: Falls sich hier Menschen wiederfinden, die ich nicht sehr freundlich bedacht habe, bitte ich um Nachsicht, ist dies doch meine ganz persönliche Wahrnehmung der Situation und die Darstellung meine eigenen Gefühle diesen Umstand betreffend.

12 Gedanken zu „Story Samstag – Mutter

  • Pingback: [Story-Samstag] Heiliger Bund – Tante TeX textet

  • 15. Mai 2017 um 16:13
    Permalink

    Hallo. Ein sehr toller Beitrag. Man kann Deine Gefühlsachterbahn richtig raus lesen. Danke, dass Du es mit uns teilst. Wir haben auch keine Kinder – aber bewusst gewählt. Das einzige,dass ich nach empfinden kann ist, dass man als Frau nicht unbedingt für voll genommen wird, wenn man nicht selbst Mutter ist. Kränkt mich manchmal, aber meistens stehe ich da jetzt drüber. Liebe Grüsse

    Antworten
    • 21. Mai 2017 um 8:40
      Permalink

      Danke.
      Ja, man wird komisch angeguckt, wenn gesagt wird, wir oder ich habe keine Kinder. Das finden andere wohl irritierend. Sie fragen aber mich z.B. dann nicht, warum. Ich erkläre mich auch nicht. Wenn diese erste Antwort bereits Irritationen auslöst, was wenn ich sage, dass ich keine Kinder kriegen kann? Dann verstummt wohl alles….
      Aber egal, wie Du schon sagst, das steht man meistens drüber.

      Antworten
      • 21. Mai 2017 um 8:47
        Permalink

        Ja – da sind sie immer peinlich berührt. Auch heuchlerlisch. Auch wenn man sich bewusst dagegen entscheidet – Ist bei manchen Treffen auch seltsam. Als würde man sich gegen die Menschheit wenden würde und zur Ausrottung beiträge. 🙂

        Antworten
  • 14. Mai 2017 um 17:33
    Permalink

    Danke für deinen Offenen Umgang mit deinem Schmerz.

    Ich lese dich heute am Muttertag und ich möchte dir hier etwas hinein kopieren was ich heute morgen einer lieben, kinderlosen Freundin geschrieben habe:

    „… Ich schreibe dir aber auch um dir zum Muttertag zu gratulieren. Nein, kein Scherz. Du hast das Liebevolle und Grosszügige einer Mutter und du verteilst es ohne zu zählen unter die Menschen in deinem Umfeld. So bist du für ganz viele, immer wieder eine Mama im Sinne von Liebesquelle – danke dafür.“

    Ich lese dich schon eine Weile und mir ist als würden diese Worte auch zu dir passen, in diesem Sinne also auch dir „Alles liebe zum Muttertag“ <3

    Antworten
    • 14. Mai 2017 um 17:42
      Permalink

      In diesem Sinne Danke für diese schönen Worte. Sie berühren mich und ich kann mich darin finden.

      Deine Freundin kann sich glücklich schätzen, in Dir einen so mit mitfühlenden Menschen zu haben.

      Antworten
  • 12. Mai 2017 um 22:41
    Permalink

    habe alles sorgfältig gelesen und denke jetzt nach …
    ein lustiger kommentar wäre unsensibel … aber dramatisieren will ich auch nicht … denn dein kinderloses leben hat auch gute seiten …
    natürlich würde ich dir ein kind oder auch mehrere wünschen … weil ich jetzt weiß … dass du gern welche haben würdest …
    also bin ich etwas traurig mit dir … weil ungerechter weise viele asoziale wesen kinder haben … und sie schlecht behandeln … also besser keine hätten … im gegensatz zu dir … die sicher eine klasse MUTTI gewesen wäre …
    aber ich freue mich auch mit dir … weil du scheinbar einen super kerl an deiner seite hast …
    wenn du dir mal beweisen willst … wie glücklich du bist … auch ohne kinder … leih ich dir meine 3 pubertierenden MONSTER … kurz aus …
    das wird reichen …
    lg André

    Antworten
    • 21. Mai 2017 um 8:36
      Permalink

      Danke für Deine lieben Worte – und tja, ich überlege mir das mal mit den 3 pubertierenden Monstern…..
      Ja, ich habe wirklich Glück mit diesem Mann an meiner Seite.
      Es ist ein großes Geschenk ihn zu haben oder auch dass wir beide uns haben.

      Antworten
  • 12. Mai 2017 um 16:46
    Permalink

    Danke dir für deinen ehrlichen und berührenden Beitrag. Ich habe fünf Jahre gebraucht, um schwanger zu werden und diese Zeit war sehr belastend. Ich hatte das Gefühl, alle um mich herum würden schwanger werden, nur ich nicht. Das war wie ein persönliches Versagen oder weniger wert sein. Wir hatten uns über Adoptionen schlau gemacht, als es dann doch klappte. Ich weiß nicht, wie ich damit umgegangen wäre, wenn es überhaupt nicht geklappt hätte – aber so eine Frage ist ja auch müssig. Das weiß man ja sowieso immer erst in der Situation selbst. Die Steuersache ist schon merkwürdig und absolut nicht angebracht – es wäre schön, wenn sich da mal was ändern würde.
    Dir auf jeden Fall nochmal: Danke!

    Antworten
  • 12. Mai 2017 um 12:50
    Permalink

    Das ist eine sehr berührende Beschreibung. Deine Gefühle und Entscheidungen kann ich gut nachvollziehen. Mir ging es nach Totgeburten – einen Sohn hatte ich schon – auch so, dass ich in keinen Kinderwagen schauen konnte, ohne zu Eis zu erstarren und zu Hause loszuheulen.
    Ich bin nicht der Meinung, dass eine Frau unbedingt einen Kinderwunsch haben muss, aber wenn er besteht und sich als aussichtslos erweist, dann ist das sehr bitter. Und es macht einen natürlich dann unglaublich wütend, wenn man sieht, wie viele Kinder mies behandelt werden, weil sie nicht aus Liebe zum Kind, sondern aus anderen Gründen geboren wurden. Mein Cousin und seine Frau haben sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden und haben mehrere Patenkinder, um die sie sich verantwortungsvoll kümmern.
    Die höhere Steuerbelastung finde ich allgemein nicht angebracht, weil kinderlose Paare viele kostenintensive Leistungen des Staates nicht in Anspruch nehmen wie Kitas, Kindergärten, Schulen, Universitäten, kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse, Gesundheitskosten usw.
    Ich finde es gut, dass du diesen Beitrag so ehrlich geschrieben hast und hoffe, es geht dir nun auch gut damit.

    Antworten
    • 12. Mai 2017 um 16:46
      Permalink

      Liebe Caroline,
      danke für Deinen Kommentar und die lieben Worte.
      Ja, es geht mir richtig gut damit, dieses Thema sogar hier öffentlich gepostet zu haben.
      Grüße, Barbara

      Antworten

Hey, schön, dass Du da bist! Ich freue mich über Deinen Kommentar!

%d Bloggern gefällt das: